Patricia Westerholz

Wir sind der Welt abhanden gekommen 2012 mind map 2012 smooth 2011 wallpaper wall 2011 light 2008/2009
11trees 2007 ribbon 2006 furchen und molen 2001

wallpaper wall · 2011

wall . 2011
Fassadenrelief
1400 x 800 cm

wall . 2011
Fassadenrelief
1400 x 800 cm

wallpaper . 2011
Wandrelief
350 x 275 cm

Entfaltete Projektionsfläche

Ein Vorhang scheint sich gerade zu öffnen, wenn man den Innenhof der Bildungseinrichtungen betritt. Das stimmt gleichzeitig feierlich und neugierig. Das gewellte Fassadenelement entbehrt nicht einer gewissen Theatralik, schon aufgrund seiner schieren Größe von vierzehn Metern. wall hat es die Künstlerin Patricia Westerholz lapidar genannt, Mauer. Dabei hat sie in Wirklichkeit keine Mauer, keine Grenze errichtet, sondern macht vielmehr auf deren Durchlässigkeit und Transparenz aufmerksam, als passende Metapher für den gesellschaftlichen Auftrag der hier beheimateten Institutionen: der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit (EHS) und der Sächsischen Studienakademie (SSA). Hier steht der Dienst am Menschen im Vordergrund und nicht hermetische Forschung. Insofern ist die Geste des Öffnens eine Einladung, die hin zur Mission von EHS und SSA führt.

Mit voller Absicht verwendet Patricia Westerholz die Ästhetik einer sich aufrollenden Papierbahn und legt so zusätzlich die Assoziation zu einem aufgeschlagenen Buch nahe – oder besser noch: zu einem unbeschriebenen Blatt. Das Kunstwerk im Außenraum spiegelt also auch die vielfältigen Möglichkeiten des Lernens und der pädagogischen Arbeit. wall wird zu einer Projektionsfläche, die das Tun in den dahinterliegenden Räumen erst mit Inhalten füllen wird. Die Wellenbewegung des großen Reliefs bringt Unruhe und damit Leben in die Fassade. Je nach Tageszeit und Wetterlage steigert sich die Schattenwirkung. Das erinnert an Außenraumprojekte etwa von James Turrell, die mit natürlichem Licht Dramatik entfalten, dabei aber meist einer autonomen Situation, einem singulären Kunsterlebnis verpflichtet sind. Auch bei wall wird der Himmel selbst zur Folie für das wie eine Variation gotischer Pfeilerbündel anmutende Werk. Mit dieser Referenz an eine traditionelle Bauform lässt wall gleichzeitig die komplizierte Bauaufgabe des sanierten und erweiterten Gebäudekomplexes aufscheinen. Gleich drei Zeitschichten galt es hier architektonisch zu versöhnen: den Ursprungsbau von 1933, die Nachkriegszusätze von 1955 sowie den klug gegliederten Neubau von heute. wall als zeitgenössischer Kommentar unterstützt diese gelungene Synthese von Rohdecan Architekten, Dresden, sowie Kister Scheithauer Gross Architekten, Leipzig.

Dabei geht die Künstlerin bei der Entwicklung ihrer Arbeiten im öffentlichen Raum zunächst formal vor, der Gehalt ergibt sich dann schlüssig und intuitiv aus der gewählten Form. Diese nüchterne, rationale Herangehensweise kennzeichnete bereits ihre früheren Projekte, die allerdings nicht für die Ewigkeit bestimmt waren.

Mit ribbon (Band, 2006) markierte sie subtil die Erdgeschosszone des zum Abriss freigegebenen DDR-Warenhauses auf der Prager Straße in Dresden. Kurz darauf erklärte sie per Weißanstrich die Fassade eines ebenfalls seinem Rückbau entgegendämmernden Plattenbaus in Altenburg (11 trees, 2007) zur Kulisse für die umgebende Vegetation und feierte dessen strenge Rasterstruktur ein letztes Mal. 2008 ließ sie dann für einige Winterwochen das so ruinöse wie geschichtsträchtige „Behr,sche Haus“ in Dresden aus seinem urbanen Schattendasein treten, indem sie dessen Fenster mit hinterleuchteten Folien versah (light, 2008/09). Auch hier war es wieder ein geometrisch organisiertes Punktesystem, das dieser Arbeit und damit dem Ort Energie verlieh, und kein figuratives oder verbales Statement. Dabei hat Patricia Westerholz ihr Faible für Konstruktives so konsequent weiterentwickelt, dass man ihre Arbeiten mitnichten in eine Reihe mit baugebundenen Werken konkreter Kunst stellen sollte, wie sie in den 1960/70er Jahren einmal als pure Schmuckelemente von Architektur Konjunktur hatten. Nein, ihre sparsamen Gestaltungen verhelfen Bauwerken zu einem Auftritt, angesichts dessen Betrachter zwangsläufig über Funktion und Schicksal von Gebäuden reflektieren müssen. Auch mit wall ist das wieder eindrucksvoll geschehen.

Im Inneren des Neubaus schließt die Wandarbeit wallpaper ebenso gekonnt und sogar mit einem Sichtbezug über den Hof an wall an. Während sich das Aufrollen einer kunstvoll in Stuck übersetzten Papierbahn draußen vertikal vollzog und so also eher an den genannten Vorhang erinnerte, wird es nun, im Treppenhaus, horizontal aufgefasst. Vor den Augen der Betrachter, der Nutzer scheint sich hier ein Wandsegment, ja eigentlich eine Tapetenbahn abzulösen und ein skulpturales Eigenleben zu entfalten. Entfalten im Wortsinne, denn hier steht offenbar mehr „Papier“ zur Verfügung, als der Raum aufnehmen kann – ein Mehrwert, der sich zur Decke hin in Wulsten wellt. Dieses fast spielerische Statement mutet wie ein Appell an die hier tätigen Lehrkräfte und Lernenden an, ihre eigenen Inhalte sofort geistig zu skizzieren und nicht erst auf den Flipcharts in den Unterrichtsräumen. In diesem Sinne wirkt wallpaper geradezu interaktiv – zumal wenn man, aus dem oberen Stockwerk, ganz in Gedanken vielleicht, von der Bibliothek absteigend, zunächst nichts Auffälliges an der Wand entdeckt und erst im Näherkommen die Irritation bemerkt und vielleicht sogar selbst den assoziativen Bogen zu wall spannt.

Susanne Altmann
Kunsthistorikerin, Dresden

wall . 2011

Fassadenrelief
gebaut mit Elementen des Wärmedämmverbundsystems Visualisierung: Andreas Kempe, Künstler, Dresden
Ausführung: Stefan Beck, Stukkateurmeister, Erfurt
Technische Betreuung: STO GmbH Thomas Mulik
1400 x 800 cm
Kunst am Bau EHS/SSA, Dresden
Wettbewerbsauslober/Bauherr:
Freistaat Sachsen SMF, SIB NL Dresden II

wallpaper . 2011

Wandrelief
Mischtechnik mit Polyester und Gips
Visualisierung: Andreas Kempe, Künstler, Dresden
Ausführung: Stefan Beck, Stukkateurmeister, Erfurt
350 x 275 cm
Kunst am Bau EHS/SSA, Dresden
Wettbewerbsauslober/Bauherr:
Freistaat Sachsen SMF, SIB NL Dresden II