Patricia Westerholz

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Wir sind der Welt abhanden gekommen · 2012

Wir sind der Welt abhanden gekommen . 2012
Gedenkstätte für die Opfer der NS-Euthanasie-Massenmorde T4
Gesamtfläche 42m x 28m
Tiergartenstraße, Berlin
Wettbewerbsentwurf 2012

Wir sind der Welt abhanden gekommen . 2012 – Gedenkort

Wir sind der Welt abhanden gekommen . 2012 – Informationszentrum

Wir sind der Welt abhanden gekommen*

Gedenkort für die Opfer des NS-Euthanasie-Massenmords

Schwarz und weiß war das Denken der NS-Täter. Streng nach willkürlich bestimmten Kriterien vermeintlicher Tauglichkeit oder Untauglichkeit und nach einfachsten Parametern wurde über Leben geurteilt, entschieden und entsprechend gehandelt.
Die Grundidee der Arbeit Wir sind der Welt abhanden gekommen greift das tatsächliche Geschehen, die Verwirklichung der zur Perversion mutierten Bürokratie und ihrer mörderischen Entscheidungen auf: Die emotionslose Umsetzung einer Geisteshaltung, die Menschenleben in wert und unwert unterteilte. Hier wir inne gehalten im Moment der Auflösung, der Entlarvung und der zahlreichen Fragen:
Unzählige DIN-genormte Papiere in den Farben Schwarz, Weiß, Grau-hell, Grau-dunkel liegen, ihrer Ordnung beraubt, verstreut, die gesamte Bodenfläche des Ortes bedeckend, offen. Fragen nach dem Warum, nach dem Wer und Wie viele werden anhand der vielen unbeschrifteten Papiere offenbar. Zugleich wird durch den Zusammenbruch jeglicher Ordnung ein Ende des normativen Handelns markiert.
Mit jedem Schritt auf der Bodenfläche zur Mitte hin verliert sich die Überschaubarkeit der Masse der Aktenblätter imitierenden Papiere.
Was bedeutet schwarz, was weiß, was die zwei unterschiedlichen Grautöne? Die Interpretationsmöglichkeiten sind vielschichtig.
Der Ort, an dem die Täter ihre Verbrechen erdachten und beschlossen, wird umgewidmet zu einem Gedenkort für die Opfer, die sich durch das WIR in ihrem Ausruf Wir sind der Welt abhanden gekommen zurück ins Leben melden. Wie viele sie sind, lassen die unzähligen Aktenblätter auf dem Boden erahnen.

Das Zentrum der Gedenkstätte bildet ein mächtiger, schwarzer Block, der aus übereinander geschichteten, schwarz durchgefärbten Betonplatten besteht. Exakt auf dem historischen Grundriss der Villa platziert und in Flächenmaß und Ausrichtung einen ehemaligen Villenraum markierend, stapeln sich die sechs Meter breiten Gedenkplatten bis zu einer Höhe von drei Meter dreißig. Umlaufend sind hier die Namen zahlreicher Opfer eingraviert, verhelfen stellvertretend für alle zu Identität und widmen den Ort der Täter zu einem Ort der Opfer und des Gedenkens um. Gleichzeitig verweisen die offen gebliebenen Stellen auf jene, die für immer im Verborgenen bleiben.

Im vorderen Bereich der Gedenkstätte steht das Informationszentrum. Es besteht aus vertikal geschichteten, weißen Betonplatten, die zu einem Block verdichtet sind und denen ein freies Wandelement vorgesetzt ist.
In enger Korrespondenz mit der seit 1989 am Ort vorhandenen Bronzeplatte vermittelt es zwischen der Erstinformation der Gedenktafel und dem Gedenkort im hinteren Bereich.
Auf insgesamt 26 Metern Fläche sind hier umfassende Informationen dreisprachig auf Schautafeln erfahrbar. Eine Wand in Brailleschrift bleibt Menschen mit Sehschwäche vorbehalten. Fünf Medienorte - drei Audio-, zwei Monitorsysteme - machen eine Themenvertiefung möglich und werden teilweise mit Gebärdensprache und einfacher Sprache ausgestattet.
Mehrere Sitzgelegenheiten entsprechen in ihrer Größe und Farbigkeit den Aktenblättern und befinden sich lose verteilt im Areal des Informationszentrums. Ihre Formen aus Betonsockel in unterschiedlichen Höhen fordern auf zum Innehalten und erleichtern das Pausieren.

Wir sind der Welt abhanden gekommen setzt sich deutlich ab von der Strukturvielfalt seines Umfeldes und schafft seinen eigenen Wirkungsbereich. Die Gestaltung ermöglicht das Nebeneinander von Stadtbegrünung und Architektur auf eindrucksvolle Weise. Der Blick richtet sich spontan nach unten auf den Boden, weg vom Stadtgetümmel und der in den Himmel ragenden Architektur Hans Scharouns hin zu einer nachdenklichen Spuren- und Geschichtssuche.
Eingebettet zwischen grüner Wiesenfläche, Matterngarten und Philharmonie setzt der Gedenkort mit einfachen Mitteln seine individuellen Akzente, macht auf sich aufmerksam und lässt Stille und Hinwendung zum Thema zu. Durch die gleichmäßige nahezu Rundum-Beleuchtung der zwei Bauten (Informationszentrum, Gedenkblock) vom Boden aus bleibt er auch nachts präsent.

Schwarz und weiß war das Denken der Täter. Die Konsequenz dieses Denkens kostete hunderttausenden Menschen das Leben. Auf dem Ort der Täter ermöglicht Wir sind der Welt abhanden gekommen eine Hinwendung zum Thema und verhilft durch die Mittel der Gestaltung zu einem emotionalen Zugang insbesondere zu den Opfern.
Hier schafft nun eine Fläche von 42 mal 28 Metern einen Ort, der symbolisch als Sühnezeichen für schwerste Verbrechen gegen die Menschlichkeit gelten kann. Und der darüber hinaus in unsere heutige Gesellschaft wirkt, mitten hinein in die Debatten über Abtreibungspraktiken und eine staatlich geregelte, organisierte Sterbehilfe.

*frei nach Gustav Mahlers "Fünf Lieder nach Texten von Friedrich Rückert"